Reisebericht: Rundreise nach Karpacz - polnisches Riesengebirge

25.06. – 29.06.2014, 5 Tage Riesengebirge: Karpacz (Krummhübel) - Schneekoppe - Hirschberg - Schreiberhau - Stonsdorf und Lomnitz

Wir fahren für 5 Tage nach Karpacz (Krummhübel) ins malerische polnische Riesengebirge. Eine Rundfahrt durch das Riesengebirge, ein Ausflug nach Breslau sowie die Auffahrt mit dem Sessellift zum Gebirgskamm sind Höhepunkte der Reise.

1. Tag: Mittwoch, 25.06.2014 - Anreise über Stonsdorf nach Krummhübel


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Pünktlich 9.00 Uhr sind alle Gäste am Dresdner Flughafen eingetroffen. Die meisten kamen bereits mit dem Bus und unserer Chauffeurin Marion aus Chemnitz angereist. Bester Stimmung geht es los, über die Autobahn A4 nach Görlitz und dann über die polnische Grenze. Am ersten polnischen Autohof legen wir eine kleine Pause ein für Geldtausch, WC oder Erfrischungen. Wir verlassen die Autobahn und fahren auf der Landstraße nach Hirschberg. Durch Dörfer und kleine Städtchen fahrend, bekommen wir einen ersten Eindruck von Polen. Kurz nach 12.00 Uhr sind wir bereits am ersten Ziel: Staniszow, besser bekannt unter dem deutschen Namen Stonsdorf, steht auf dem Programm. Wir wollen den Palast besichtigen und den "Echten Stonsdorfer" Kräuterlikör verkosten. Wir sind überrascht. Ein Kleinod barocker Schloßarchitektur steht versteckt in einem kleinen Dorf, umgeben von einem gepflegten Park! Schloß Stonsdorf ist ein altes Rittergut, das 1395 erstmalig erwähnt wurde und blickt auf eine lange Geschichte zurück. Eine Fürstin schrieb 1816 in ihr Reisetagebuch: "... die Natur ist hier schön, die Lage entzückend. Nichts ist zerstört worden und alles, was hier von Menschenhand geschaffen wurde, scheint das Werk der Natur zu sein". Bis Ende des II. Weltkrieges im Besitz des Prinzen von Reuß genoss das Schloß einen guten Ruf als Ausflugsziel im Hirschberger Tal. Nach der Enteignung der Adelsfamilie begann eine wechselvolle Zeit, die mit der Verwahrlosung der Anlage endete, aber davon sieht man nichts mehr. Die Revitalisierung von Schloß und Park unter Leitung der Eigentümer Familie Dzida ist voll gelungen. Gern lustwandeln wir in der gepflegten Parkanlage mit ihren vielen wunderschönen Rosen und sehen den Gärtner bei der Arbeit..., das will alles gepflegt sein, viel Arbeit für ihn. Leider war Eigentümer Herr Dzida nicht für einen Plausch zu haben, aber ein Angestellter führte uns durch das Schloß und die Nebengebäude (heute Hotel, Restaurant, Kunstgalerie und SPA) - und natürlich kosteten wir den berühmten "Stonsdorfer", der nach diesem Ort benannt ist.
Nach der Besichtigung waren wir etwas hungrig, aber Chauffeurin Marion hatte vorgesorgt. Nach einer kleinen "Stärkungspause" war es nur noch ein kurzes Stück bis Krummhübel. Wir checkten im Hotel Mercure Skalny ein. Inzwischen hatte uns Rübezahl einen tüchtigen Sturzregen gesandt. Einige Mutige trotzten dem Wetter und gingen auf Erkundungsgang - und kamen, von Kaffee und Kuchen schwärmend, nass, aber zufrieden wieder. Schnell verging der Abend mit Abendessen und Plaudereien.

2. Tag: Donnerstag, 26.06.2014 - Riesengebirgsrundfahrt


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Da uns Rübezahl noch immer nicht gewogen scheint und trübes Wetter bereitet, schicken wir uns 'drein und drehen das Programm um. Fahren nicht hoch hinaus, sondern mit dem Bus nach Hirschberg. Das wird belohnt. Denn fortan haben wir Sonnenschein! Gemeinsam mit unserem Reiseleiter Jarek erkunden wir das malerische Städtchen Hirschberg und bummeln durch die alten Gassen. Jarek weiß viel zu erzählen über seine Heimatstadt mit dem Hirsch im Wappen. Und so manchen Geheimtip hat er parat, die Krönung ist der Blick über die Dächer der Stadt.
Die Früchte der Saison sind so lecker anzusehen, dass wir sie unbedingt probieren müssen: Erdbeeren, Kirschen und Himbeeren sind gerade erntefrisch im Angebot an den Marktständen.
Danach fahren wir durch die schönen Dörfer und Kurorte. Besonders Bad Warmbrunn (Cieplice) am Fuße des Riesengebirges gefällt mit seinen schönen Jugendstilvillen und gepflegten Kuranlagen. Ja, hierher könnte man wirklich mal zur Kur fahren. Aber wir wollen noch mehr sehen, also geht es jetzt nach Haus Wiesenstein in Agnetendorf (Jagniatkow). "Haus" ist wirklich bescheiden ausgedrückt, eine prunkvolle, schloßähnliche Villa hat sich Gerhart Hauptmann in schöne Landschaft bauen lassen, um dort die Ruhe und Inspiration für seine Werke zu finden. Wir sehen sein Arbeitszimmer und weitere Originalräume, Gegenstände und Dokumente. Besonders interessant war der kurze historische Film mit Aufnahmen von Gerhart Hauptmann und Familie. Ergriffen lauschen wir, wie der Autor selbst eines seiner Gedichte rezitiert.
Nach so viel Kultur ist es Mittagszeit geworden. Jarek hat schon viel von der schlesischen Küche geschwärmt. Und er hat nicht zu viel versprochen. In den Kellergewölben des Gerhart-Hauptmann-Hauses ist ein uriges kleines Lokal. Gefüllte Piroggen werden empfohlen. Gefüllt mit Kraut und Pilzen (ungewohnt, aber s e h r schmackhaft), mit Quark (klassisch-vegetarisch) und Gehacktem (traditionell). Uns läuft das Wasser im Munde zusammen, aber es dauert nicht lange, und alles ist auf dem Tisch und mundet köstlich. Kaffee und selbstgebackener Mohnkuchen runden das Mahl ab. Frisch gestärkt fahren wir durch Schreiberhau (Szklarska Poreba) zu einem kleinen Mineralmuseum, wo wir "Rübezahls Schätze", d.h. Mineralien der Region, aber auch viele andere schöne Steine aus der ganzen Welt bewundern. Wir sind inzwischen im Zackental im Nationalpark angekommen. Ein schöner bequemer Spaziergang führt uns zu den wildromantischen Kochelfall. Wir atmen tief die klare Luft des Waldes ein und verweilen am Wasserfall, der mit 27 Metern Höhe herunterprallt. Manche wollen das Spektakel auch von oben sehen und scheuen nicht, hinaufzugehen. Aber unten sollte man dem Wasser nicht zu nahe kommen, denn die Steine sind glatt. Das musste ein Gast am eigenen Leibe erfahren, als er ausrutschte. Wir waren alle erschrocken und er hat sich weh getan, aber Gott sei Dank ging alles glimpflich ab.
Die Rundreise neigt sich dem Ende. Noch ein schöner Fotostop mit Blick auf den Hauptkamm des Riesengebirges, auch die Schneekoppe zeigt sich mittlerweile, dann sind wir wieder "daheim" im Hotel in Karpacz und freuen uns auf das gute Buffet zum Abendessen.

3. Tag: Freitag, 27.06.2014 - Die Kirche Wang und Auffahrt zum Reifträger


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Frohgemut und erwartungsvoll wollen wir 9.00 Uhr mit Jarek in die Berge starten. Aber unser immer fröhlicher und zu Späßen bereiter Jarek macht ein betrübliches Gesicht. Am Wetter lag es dieses Mal nicht. Die Sonne strahlte vom Himmel. Aber Rübezahl hatte sich neuen Schabernack ausgedacht: keine telefonische Verbindung zur Seilbahn. Was hatte das zu bedeuten? Da müssen wir hinfahren! Unsere Befürchtungen sollten sich bestätigen, alles stand still. Kein Schild, kein Mensch, niemand konnte und wollte Auskunft geben. Das war dann wohl doch nicht Rübezahl, sondern polnische Wirtschaft, wie Jarek schimpfte ... - die Seilbahn stand auch den Tag zuvor und die Tage danach noch still... guter Rat ist teuer, aber wir lassen uns doch davon nicht die gute Laune verderben. Schließlich gibt es Alternativen. Erstmal die eindrucksvolle Kirche Wang besichtigen. Ein kurzer schöner Spaziergang führt durch den Wald zur Kirche hin. Diese Stabholzkirche zieht jeden in ihren Bann. Eine romanische skandinavische Holzkirche im schlesischen Riesengebirge? Wie kam die dahin? Ganz einfach: abgebaut und neu aufgestellt. Da haben wir aber Glück, dass die Gräfin Friederike von Reden den Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. überreden konnte, das bezaubernde Kirchlein mit seinem 24 m hohen Glockenturm in die malerische Landschaft der Berge und Wälder des Riesengebirges zu stellen anstelle auf die Berliner Pfaueninsel. Dafür hat sie auch ein Denkmal und ihre letzte Ruhestätte in der Nähe der Kirche verdient, denn immerhin ist die Kirche ein Wahrzeichen des schlesischen Riesengebirges geworden.
Wir haben mittlerweile mit Reiseleiter Jarek Erkundungen eingezogen und freuen uns, dass es doch noch eine Möglichkeit gibt, den Bergen auf`s Dach zu steigen. Die Seilbahn von Schreiberhau auf den Reifträger ist in Betrieb! Sofort sind wir uns einig, nichts wie hin! Marion bringt uns geduldig mit dem Bus zur Talstation. Noch etwas Geduld, die Bahn fährt nach Fahrplan, aber dann geht's los. So schön beschaulich zieht die Landschaft vorbei... So schön weit eröffnet sich der Blick zum Gipfelkamm und über Berge und Ebene! Einmal Umsteigen angesagt, dann sind wir schneller oben als gedacht. Eine Baude lädt ein zu Speis und Trank. Da sagen wir nicht "Nein". Kleinigkeiten wie Palatschinken, Suppe oder Bockwurst geben die nötige Energie für die anschließende Wanderung. Manche haben sich als Endziel die Elbquellen auf tschechischer Seite vorgenommen, die müssen etwas schneller und zügiger gehen. Aber Jarek ist ein erfahrener Bergführer. Gerade rechtzeitig sind alle wieder zurück, auch wenn wir in der langsameren Runde bis zuletzt daran gezweifelt haben. Der gemütlicher wandernde Teil der Gruppe geniesst die schönen Aussichten, die herrliche Natur und das schöne Wetter. Leider, leider ist die letzte Abfahrt der Seilbahn nach polnischen Fahrplan 16.00 Uhr! Wenn`s am schönsten ist, soll man gehen, heißt ein Sprichwort. Schweren Herzens nehmen wir Abschied von dem Bergkamm, um die Seilbahn nicht zu verpassen, 700 Höhenmeter bergab zu Fuß wäre uns doch etwas zu beschwerlich geworden... Die Talfahrt war wiederum traumhaft und erholsam und pünktlich auf die Minute schloß die Seilbahn. Aber wir waren unten! Zum Abschluß des erlebnisreichen Tages kommt ein Umtrunk im Bus ganz recht und belebt die Lebensgeister. Auf dem Rückweg stoppen wir kurz an einem besetzten Strochennest. 
Diesen Abend nehmen wir das Abendessen in einem traditionellen "Tiroler Haus" ein. Die Wirtin empfängt uns in Tiroler Tracht. Tiroler, genauer gesagt, protestantische Zillertaler Auswanderer, kamen 1837 in Preußisch-Schlesien an und bauten Holzhäuser, wie in ihrer Heimat. Deshalb gibt es heute noch die Tiroler Häuser in Schlesien.
Wir interessieren uns mehr für das Essen und "den Anton aus Tirol", ein netter Herr mit "Quetschharmonika" spielt uns auf. Und wir singen manches Volkslied, natürlich darf auch das Riesengebirgslied wieder gesungen werden, aber auch polnische Lieder erklingen. Und schließlich ist er auf einmal da, keiner hat gesehen, woher, Rübezahl steht in der Tür! und schwingt mit unseren Damen das Tanzbein. Beschwingt von dem heiteren Abend geht es heim.

4. Tag: Samstag, 28.06.2014 - Ausflug nach Breslau (Wroclaw) 


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Heute ist ein freier Tag mit der Möglichkeit, einen Ausflug nach Breslau zu unternehmen. Zwei Gäste haben etwas Besonderes vor: Sie wollen das Elternhaus und Heimatdorf besuchen und Erinnerungen an die Kindheit auffrischen. Im Laufe unserer Gespräche stellen wir fest, daß einige, auch ich, ihre Wurzeln im schlesischen Raum haben. Gemeinsam mit unserem Jarek sind wir einer Meinung, dass die EU eine gute Sache ist, alte Feindseligkeiten zu überwinden und sich auf das Gemeinsame zu besinnen.
Alle anderen Gäste kommen mit nach Breslau. Jarek verkürzt uns die Zeit mit Informationen über Land und Leute. Dazu gehört natürlich der eine oder andere Polenwitz, z.B. 
Ein Mann will Steuern sparen, wird aber erwischt und kommt ins Gefängnis. Seine Frau ist verzweifelt und schreibt ihm: "Was soll ich denn tun? Der Acker muss umgegraben werden, um die Kartoffeln anzubauen." Schreibt der Mann aus dem Gefängnis: "Rühr ja nicht meinen Acker an! Da habe ich Gelder und Waffen vergraben." Einige Tage später steht die Polizei auf dem Bauernhof und sucht die Waffen und das Geld. Jeder Zentimeter von Grund und Boden wird umgegraben, jedoch ohne Erfolg. Sie finden nichts. Die Frau schreibt ihrem Mann im Gefängnis: "Stell Dir vor, keine Furche haben sie ausgelassen, alles von unten nach oben gekehrt..."
Antwortet der Mann aus dem Gefängnis: "Fein, jetzt kannst Du das Feld mit Kartoffeln bestellen".
Aber dann werden wir auch wieder ernsthaft. Und freuen uns, dass das Geld von "Tante EU" wirklch dem Ausbau der Infrastruktur zugute kam. So sind wir, inklusive einer Kaffeepause, schon nach reichlich zwei Stunden in Breslau und machen eine kleine Stadtrundfahrt. Für 12.00 Uhr hat Jarek eine Überraschung eingetaktet: Pünktlich sind wir bei der Jahrhunderthalle und erfreuen uns an den Wasserspielen mit Musik und Laser. Danach sind wir beeindruckt von Dom und Altstadt, schlendern am gotischen Rathaus vorbei bis zur Universität und mischen uns in der Mensa unter die Studenten.
Jarek, der Gourmet, hat uns mal wieder gut beraten. Wir können an der Selbstbedienungstheke ein fabelhaftes Mittagessen auswählen. Dann bleibt noch etwas Zeit zum Bummeln, bevor die Heimfahrt angetreten wird. Auf dem Rückweg besuchen wir in Schweidnitz die Friedenskirche, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört und uns tief beeindruckt. Ein schöner letzter kultureller Höhepunkt für heute. 
Müde, aber voller neuer Eindrücke, treffen wir uns 20.00 Uhr am Buffet beim Abendessen wieder und tauschen die Erlebnisse des Tages aus, allerdings müssen die Fußballfans natürlich auch das Spiel im Fernsehen verfolgen.

5. Tag: Sonntag, 29.06.2014 - Schloß Lomnitz - Heimreise


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Heute heißt es Abschied nehmen von Rübezahl und Riesengebirge. Aber nicht so schnell. Erst wollen wir noch Schloß Lomnitz im Schlesischen Elysium besuchen. Das Schlesische Elysium - so wird die liebliche fruchtbare Landschaft im Hirschberger Tal genannt, entlang des Flusses Bober. Dort ist das mittelalterliche Gut der Ritter von Zedlitz errichtet worden, seit 1835 bis 1945 und heute wieder im Besitz der Familie von Küster. Allerdings war das Schloß 1991 nur noch Ruine. Wir haben großen Respekt vor den Leistungen des Wiederaufbaus. Während einer Führung besichtigen wir auch die mittelalterlichen Keller. Ein kleiner Dokumentarfilm rundet den Besuch ab. Wir sind uns einig, das ist ein schöner Abschluß unserer Reise. Nach Kaffee und Kuchen im historischen "Kleinen Schloß" treten wir die Heimreise an.

Wir haben viel gesehen und erlebt in den wenigen Tagen. Und stiessen immer wieder auf beredte Zeugnisse, dass viele tatkräftige Hände in Polen, Deutschland und Brüssel die verbindende Brücke zwischen reicher Vergangenheit und vielversprechender Zukunft aufbauen, wie auch eine Brücke zwischen der deutschen und polnischen Kultur.
Auf der Heimreise schickte uns Rübezahl wieder Regen hinterher. Da ließen wir lieber Landschaft, Sagen und Legenden lebendig werden und sahen uns den alten Film von 1955 im Busvideo an: Rübezahl, Herr der Berge.

Gegen 16.00 Uhr erreichten wir Dresden, wo gerade ein richtiger Sturzregen vom Himmel kam. So mußten wir schnell Abschied nehmen. Die meisten Gäste konnten ja im Trocknen sitzen bleiben, denn sie fuhren mit Chauffeurin Marion bis nach Chemnitz zurück. Ich hoffe, Sie, liebe Gäste, sind gut und im Trocknen nach Hause gekommen.
Bleiben Sie gesund und reisefreudig, vielleicht sehen wir uns auf einer anderen Reise wieder? 

Herzliche Grüße,
Ihre 
Petra Hanschke



Vielleicht haben Sie noch die Melodie im Ohr und den Text nicht vorliegen? Hier ist er:

Rübezahllied


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Hohe Tannen weisen die Sterne
An der Iser in schäumender Flut.
Liegt die Heimat auch in weiter Ferne,
Doch du, Rübezahl, hütest sie gut.

Viele Jahre sind schon vergangen
Und ich sehn' mich nach Hause zurück
Wo die frohen Lieder oft erklangen
Da erlebt' ich der Jugendzeit Glück.

Wo die Tannen steh'n auf den Bergen
Wild vom Sturmwind umbraust in der Nacht
Hält der Rübezahl mit seinen Zwergen
Alle Zeiten für uns treue Wacht.

Hast dich uns auch zu eigen gegeben,
Der die Sagen und Märchen erspinnt,
Und im tiefsten Waldesfrieden,
Die Gestalt eines Riesen annimmt.

Komm zu uns an das lodernde Feuer,
An die Berge bei stürmischer Nacht.
Schütz die Zelte, die Heimat, die teure,
Komm und halte bei uns treu die Wacht.

(Vorsicht, bitte nur im historischen Kontext sehen!)
Höre, Rübezahl, laß dir sagen,
Volk und Heimat sind nimmermehr frei.
Schwing die Keule wie in alten Tagen,
Schlage Hader und Zwietracht entzwei.

Drum erhebet die Gläser und trinket
Auf das Wohl dieser Riesengestalt,
Daß sie bald ihre Keule wieder schwinge
Und das Volk und die Heimat befreit.



Und hier noch die Legende, wie Rübezahl zu seinem Namen kam (die Geschichte mit der Prinzessin Emma)  - Viel Spaß!

aus: gutenberg.spiegel.de  -  Gutenberg Projekt

Johann Karl August Musäus


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Legenden vom Rübezahl


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Erste Legende


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Auf den oft besungenen Sudeten haust in friedlicher Eintracht der berufene Berggeist, Rübezahl genannt, der das Riesengebirge berühmt gemacht hat. Dieser Fürst der Gnomen besitzt zwar auf der Oberfläche der Erde nur ein kleines Gebiet, von wenigen Meilen im Umfang, mit einer Kette von Bergen umschlossen. Aber unter der urbaren Erdrinde hebt seine Alleinherrschaft an und erstreckt sich auf achthundertsechzig Meilen in die Tiefe, bis zum Mittelpunkt der Erde. Zuweilen beurlaubt er sich aller unterirdischen Regierungssorgen, erhebt sich zur Erholung auf die Grenzfeste seines
Gebiets und hat sein Wesen auf dem Riesengebirge, treibt da sein Spiel und Spott mit den Menschenkindern wie ein froher Übermütiger, der, um einmal zu lachen, seinen Nachbarn zu Tode kitzelt.
Freund Rübezahl ist geartet wie ein Kraftgenie, launisch, ungestüm, sonderbar; bengelhaft, roh, unbescheiden; stolz, eitel, wankelmütig, heute der wärmste Freund, morgen fremd und kalt; zuzeiten gutmütig, edel und empfindsam; aber mit sich selbst in stetem Widerspruch, albern und weise, schalkhaft und bieder, störrisch und beugsam.
Von Olims Zeiten her toste Rübezahl schon im wilden Gebirge, hetzte Bären und Auerochsen aneinander, daß sie zusammen kämpften, oder scheuchte mit grausendem Getöse das scheue Wild vor sich her und stürzte es von den steilen Felsenklippen hinab ins tiefe Tal. Dieser Jagden müde, zog er wieder seine Straße durch die Regionen der Unterwelt und weilte da Jahrhunderte, bis ihn von neuem die Lust anwandelte, sich an die Sonne zu legen und des Anblicks der äußern Schöpfung zu genießen. Wie nahm's ihn wunder, als einst bei seiner Rückkehr, von dem beschneiten Gipfel des Riesengebirges umherschauend, die Gegend ganz verändert fand! Die düsteren undurchdringlichen Wälder waren ausgehauen und in fruchtbares Ackerland verwandelt, wo reiche Ernten reiften. Zwischen den Pflanzungen blühender Obstbäume ragten die Strohdächer geselliger Dörfer hervor, aus deren Schlot friedlicher Hausrauch in die Luft wirbelte; hier und da stand eine einsame Warte auf dem Abhang eines Berges zu
Schutz und Schirm des Landes.
Die Neuheit der Sache und die Annehmlichkeit des ersten Anblicks ergötzten den verwunderten Territorialherrn so sehr, daß er über die eigenmächtigen Pflanzer nicht unwillig ward, noch ihrem Tun und Wesen sie zu stören begehrte, sondern sie ruhig im Besitz ihres angemaßten Eigentums ließ, wie ein gutmütiger Hausvater der geselligen Schwalbe oder selbst dem überlästigen Spatz unter seinem Obdach Aufenthalt gestattet.
Sogar ward er Sinnes, mit den Menschen Bekanntschaft zu machen und mit ihnen Umgang zu pflegen, Er nahm die Gestalt eines rüstigen Ackerknechtes an und verdingte sich bei dem ersten besten Landwirt. Alles was er unternahm, gedieh wohl unter seiner Hand, und Rips, der Ackerknecht, war für den besten Arbeiter im Dorfe bekannt. Aber sein Brotherr war ein Prasser und Schlemmer, der ihm für seine Mühe und Arbeit
wenig Dank wußte; darum schied er von ihm und kam zu dessen Nachbar, der ihm seine Schafherde unterstellte. Die Herde gedieh gleichfalls unter seiner Hand und mehrte sich, kein Schaf stürzte vom Felsen herab das Genick, und keins zerriß der Wolf. Aber sein Brotherr war ein karger Filz, der seinen treuen Knecht nicht lohnte wie er sollte; denn er stahl den besten Widder aus der Herde und kürzte dafür den Hirtenlohn. Darum entlief er dem Geizhals und diente dem Richter als Herrenknecht, ward die Geißel der Diebe und frönte der Justiz mit strengem Eifer. Aber der Richter war ein ungerechter Mann, beugte das Recht, richtete nach Gunst und spottete der Gesetze. Weil Rips nun nicht das Werkzeug der Ungerechtigkeit sein wollte, sagte er dem Richter den Dienst auf und ward in den Kerker geworfen, aus dem er jedoch auf dem gewöhnlichen Wege der Geister, durchs Schlüsselloch, leicht einen Ausweg fand.
Dieser erste Versuch, das Studium der Menschenkunde zu treiben, konnte ihn unmöglich zur Menschenliebe erwärmen; er kehrte mit Verdruß auf seine Felsenzinne zurück, überschaute von da die lachenden Gefilde und wunderte sich, daß die Mutter Natur ihre Spenden an solche Brut verlieh. Desungeachtet wagte er noch eine Ausflucht ins Land fürs Studium der Menschheit, schlich unsichtbar herab ins Tal und lauschte in Busch und Hecken. Da stand vor ihm die Gestalt eines reizvollen Mädchens, lieblich anzuschauen, denn sie stieg eben ins Bad. Rings um sie hatten sich ihre Gespielinnen im Gras gelagert an einem Wasserfalle, der seine Silberflut in ein kunstloses Becken goß, scherzten und kosten mit ihrer Gebieterin in unschuldsvoller Fröhlichkeit. Dieser Anblick wirkte so wundervoll auf den lauschenden Berggeist, daß er schier seine geistige Natur und Eigenschaft vergaß und sich das Los der Sterblichkeit wünschte. Deshalb verwandelte er sich in einen blühenden Jüngling. Das war der rechte Weg, ein
Mädchenideal in seiner ganzen Vollkommenheit zu umfassen. Es erwachten Gefühle in seiner Brust, von denen er seit seiner Existenz noch nichts geahnt hatte; alle Ideen bekamen einen neuen Schwung. Ein unwiderstehlicher Trieb zog ihn nach dem Wasserfalle hin, und doch empfand er eine gewisse Scheu, durchs Gesträuch hervorzubrechen durch das sein Auge gleichwohl eine verstohlene Aussicht auszuspähen strebte.

Die schöne Nymphe war die Tochter des schlesischen Pharao, der in der Gegend des Riesengebirges damals herrschte. Sie pflegte oft mit den Jungfrauen des Hofes in den Hainen und Büschen des Gebirges zu lustwandeln und, wenn der Tag heiß war, sich bei der Felsenquelle am Wasserfalle zu erfrischen und darin zu baden. Von diesem Berggeist an diesen Platz, den er nicht mehr verließ, und täglich der Wiederkehr der
reizenden Badegesellschaft mit Ungeduld entgegenharrte.
Die Nymphe zögerte lange, doch in der Mittagsstunde eines schwülen Sommertages besuchte sie wieder mit ihrem Gefolge die kühlen Schatten am Wasserfalle. Ihre Verwunderung ging über alles, da sie den Ort ganz verändert fand; die rohen Felsen waren mit Marmor und Alabaster bekleidet, das Wasser stürzte nicht mehr in einem wilden Strom von der steilen Bergwand, sondern rauschte, durch viele Abstufungen gebrochen, mit sanften Gemurmel in ein weites Marmorbecken herunter. Maßlieben, Zeitlosen und das romantische Blümlein Vergißmeinnicht blühten an dessen Rande,
Rosenhecken, mit wildem Jasmin und Silberblüten vermengt, zogen sich in einiger Entfernung umher und bildeten das angenehmste Luststück. Rechts und links der Kaskade öffnete sich der doppelte Eingang einer prächtigen Grotte, deren Wände und Bogengewölbe mit mosaischer Bekleidung prangten, von farbigen Erzstufen, Bergkristall und Frauenglas, alles funkelnd und flimmernd, daß der Abglanz davon das Auge blendete.

Die Prinzessin stand lange in stummer Verwunderung da, wußte nicht, ob sie ihren Augen trauen, diesen zauberhaften Ort betreten oder fliehen sollte. Nachdem sie mit ihrem Gefolge in diesem kleinen Tempel sich sattsam erlustigt und alles fleißig durchgemustert hatte lüstete sie, in dem Bassin zu baden. Kaum war sie über den glatten Rand des Marmorbeckens hinabgeschlüpft, so sank sie in eine endlose Tiefe. Laut ließ die bange Schar der erschrockenen Mädchen Klage, Ach und Weh erschallen , als ihr Fräulein vor ihren Augen dahinschwand; sie liefen ängstlich am marmornen Gestade hin und wieder, indes das Springwasser recht geflissentlich sie mit einem Platzregen nach dem anderen übergoß.
Hier war kein anderer Rat, als dem Könige die traurige Begebenheit mit seiner Tochter zu hinterbringen. Wehklagend begegneten ihm die Mädchen, da er eben mit seinen Jägern zu Walde zog. Der König zerriß sein Kleid vor Betrübnis und Entsetzen, nahm die goldene Krone vom Haupte, verhüllte sein Angesicht mit dem Purpurmantel, weinte uns stöhnte laut über den Verlust der schönen Emma.

Nachdem er der Vaterliebe den ersten Tränenzoll entrichtet hatte, stärkte er seinen Mut und eilte, das Abenteuer am Wasserfalle selbst zu beschauen. Aber der angenehme Zauber war verschwunden, die rohe Natur stand wieder da in ihrer vorigen Wildheit; da war keine Grotte, kein Rosengehege, keine Jasminlaube.
Unterdessen hatte der Berggeist die liebreizende Emma durch einen unterirdischen Weg in einen prächtigen Palast geführt. Als sich die Lebensgeister der Prinzessin wieder erholt hatten, befand sie sich auf einem Sofa, angetan mit einem Gewand von rosenfarbenem Satin und einem Gürtel von himmelblauer Seide. Ein junger Mann lag zu ihren Füßen und tat ihr mit dem wärmsten Gefühl das Geständnis der Liebe, das sie mit
schamhaftem Erröten annahm. Der entzückte Gnom unterrichtete sie hierauf von seinem Stand und seiner Herkunft, von den unterirdischen Staaten,die er beherrschte, führte sie durch die Zimmer und Säle des Schlosses und zeigte ihr alle Pracht und Reichtum. Ein herrlicher Lustgarten umgab das Schloß von drei Seiten, der mit feinen Blumenstücken und Rasenplätzen, auf deren grüner Fläche ein kühler Schatten schwamm, dem Fräulein vornehmlich zu behagen schien. Alle Obstbäume trugen purpurrote, mit Gold gesprenkelte oder zur Hälfte übergüldete Äpfel. In den traulichen
Bogengängen lustwandelte das Paar. Sein Blick hing an ihren Lippen, und sein Ohr trank die sanften Töne aus ihrem melodischen Munde. In seinem langen Leben hatte er dergleichen selige Stunden noch nie genossen, als ihm jetzt die erste Liebe gab.
Nicht gleiches Wonnegefühl empfand die reizende Emma. Ein gewisser Trübsinn hing über ihrer Stirn, sanfte Schwermut und zärtliches Hinschmachten offenbarten genug, daß geheime Wünsche in ihrem Herzen verborgen lagen. Er machte gar bald diese Entdeckung und bestrebte sich, durch Liebkosungen diese Wolken zu zerstreuen und die Schöne aufzuheitern, obwohl vergebens. Der Mensch, dachte er bei sich selbst, ist ein
geselliges Tier wie die Biene und die Ameise; der schönen Sterblichen gebricht's an Unterhaltung. Flugs ging er hinaus ins Feld, zog auf einem Acker ein Dutzend Rüben aus, legte sie in einen zierlichen geflochtenen Deckelkorb und brachte diesen der schönen Emma, die melancholisch einsam in der beschatteten Laube eine Rose entblätterte. «Schönste der Erdentöchter,» redete sie der Gnom an, «du sollst nicht mehr die Einsamtrauernde in meiner Wohnung sein. In diesem Korbe ist alles, was du bedarfst, diesen Aufenthalt dir angenehm zu machen. Nimm den kleinen buntgeschälten
Stab und gib durch die Berührung mit ihm den Erdengewächsen im Korbe die Gestalten, die dir gefallen.»
Hierauf verließ er die Prinzessin, und sie weilte keinen Augenblick, mit dem Zauberstabe laut Instruktion zu verfahren, nachdem sie den Deckelkorb geöffnet hatte. «Brinhild,» rief sie, «liebe Brinhild, erscheine!» Und Brinhild lag zu ihren Füßen, umfaßte die Kniee ihrer Gebieterin und benetzte ihren Schoß mit Freudenzähren. Die Täuschung war so vollkommen, daß Fräulein Emma selbst nicht wußte, wie sie mit ihrer Schöpfung dran war: ob sie die wahre Brinhild hergezaubert hatte, oder ob ein Blendwerk das Auge betrog. Sie überließ sich indessen ganz den Empfindungen der Freude, ihre
liebste Gespielin um sich zu haben, lustwandelte mit ihr Hand in Hand im Garten umher, ließ sie dessen herrliche Anlagen bewundern und pflückte ihr goldgesprenkelte Äpfel von den Bäumen. hierauf führte sie ihre Freundin durch alle Zimmer im Palast bis in die Kleiderkammer, wo sie bis zu Sonnenuntergang verweilten. Alle Schleier, Gürtel, Ohrspangen wurden gemustert und anprobiert. Der spähende Gnom war entzückt über den Tiefblick, den er in das weibliche Herz getan zu haben vermeinte, und freute sich über den guten Fortgang in der Menschenkunde. Die schöne Emma dünkte ihn jetzt schöner, freundlicher und heiterer zu sein als jemals. Sie unterließ nicht, ihren
ganzen Rübenvorrat mit dem Zauberstabe zu beleben, gab ihnen die Gestalt der Jungfrauen, die ihr vordem aufzuwarten pflegten, und weil noch zwei Rüben übrig waren, bildete sie eine Zyperkatze um, aus der anderen schuf sie ein niedlich hüpfendes Hündchen.

Einige Wochen lang genoß sie die Wonne des gesellschaftlichen Vergnügens ungestört, Sang und Saitenspiel wechselten vom Morgen bis zum Abend; nur merkte das Fräulein
nach Verlauf einiger Zeit, daß die frische Gesichtsfarbe ihrer Gesellschafterinnen etwas abbleichte. Der Spiegel im Marmorsaal ließ zuerst bemerken, daß sie allein wie eine Rose aus der Knospe frisch hervorblühte, da die geliebte Brinhild und die übrigen Jungfrauen welkenden Blumen glichen; gleichwohl versicherten sie alle, daß sie sich wohl befänden, und der freigebige Gnom ließ sie an seiner Tafel auch keinen Mangel leiden. Dennoch zehrten sie sichtbar ab, Leben und Tätigkeit schwand von Tag zu Tag mehr dahin, und alles Jugendfeuer erlosch.

Als die Prinzessin an einem heitern Morgen, durch gesunden Schlaf gestärkt, fröhlich ins Gesellschaftszimmer trat, wie schauderte sie zurück, da ihr ein Haufen eingeschrumpfter Matronen an Stäben und Krücken entgegenzitterte, mit Dumpf- und Keuchhusten beladen, unvermögend sich aufrechtzuerhalten. Das schäkernde Hündchen hatte alle vier von sich gestreckt, und der schmeichelnde Zyper konnte sich vor Kraftlosigkeit kaum noch regen und bewegen. Bestürzt eilte die Prinzessin aus dem Zimmer, der schaudervollen Gesellschaft zu entfliehen, trat hinaus auf den Söller des
Portals und rief laut den Gnomen, der alsbald in demütiger Stellung auf ihr Geheiß erschien. «Boshafter Geist,» redete sie ihn zornmütig an, «warum mißgönnst du mir die einzige Freude meines harmvollen Lebens, die Schattengesellschaft meiner ehemaligen Gespielinnen? Augenblicklich gib meinen Dirnen Jugend und Wohlgestalt wieder, oder Haß und Verachtung soll deinen Frevel rächen.» – «Schönste der Erdentöchter,» entgegnete der Gnom, «zürne nicht über die Gebühr! Alles, was in meiner Gewalt ist, steht in deiner Hand; aber das Unmögliche fordere nicht von mir. Die Kräfte
der Natur gehorchen mir, doch vermag ich nichts gegen ihre unwandelbaren Gesetze. Solange vegetierende Kraft in den Rüben war, konnte der magische Stab ihr Pflanzenleben nach deinem Gefallen verwandeln; aber ihre Säfte sind nun vertrocknet, und ihr Wesen neigt sich nach der Zerstörung hin; denn der belebende Elementargeist ist verraucht. Jedoch das; soll dich nicht kümmern, Geliebte, ein frischgefüllter Deckelkorb kann den Schaden leicht ersetzen; du wirst daraus alle Gestalten wieder hervorrufen, die du begehrst. Gib jetzt der Mutter Natur ihre Geschenke zurück,
die dich so angenehm unterhalten haben; auf dem großen Rasenplatze im Garten wirst du die Gesellschaft finden.» Der Gnom entfernte sich darauf, und Fräulein Emma ihren buntgeschälten Stab zur Hand, berührte damit die gerunzelten Weiber, las die eingeschrupften Rüben zusammen und tat damit, was Kinder, die eines Spielzeugs müde sind, zu tun pflegen: sie warf den Plunder ins Kehricht und dachte nicht mehr daran.

Leichtfüßig hüpfte sie nun über die grünen Matten dahin, den frisch gefüllten Deckelkorb in Empfang zu nehmen, den sie jedoch nirgends fand. Sie ging den Garten auf und nieder, spähte fleißig umher; aber es wollte kein Korb zum Vorschein kommen. Am Traubengeländer kam ihr der Gnom entgegen mit so sichtbarer Verlegenheit, daß sie seine Bestürzung schon von ferne wahrnahm. «Du hast mich getäuscht,» sprach sie, «wo ist der Deckelkorb geblieben? Ich suche ihn schon seit einer Stunde vergebens.» – «Holde Gebieterin meines Herzens,» antwortete der Geist, «wirst du mir meinen Unbedacht verzeihen? Ich versprach mehr, als ich geben konnte, ich habe das Land durchzogen, Rüben aufzusuchen, aber sie sind längst geerntet und welken in dumpfigen Kellern. Harre nur drei Mondenwechsel in Geduld aus, dann soll dir's nie an Gelegenheit gebrechen, mit deinen Puppen zu spielen.» Ehe noch der beredsame Gnom mit dieser Rede zu Ende war, drehte ihm seine Schöne unwillig den Rücken zu, ohne ihm einer
Antwort zu würdigen. Er aber hob sich von dannen in die nächste Marktstadt innerhalb seines Gebietes, kaufte, als ein Pachter gestaltet, einen Esel, den er mit schweren Säcken Sämerei belud, womit er einen ganzen Morgen Landes besäte.

Die Rübensaat schoß lustig auf und versprach in kurzer Zeit eine reiche Ernte; Fräulein Emma ging täglich hinaus auf ihr Ackerfeld, das zu besehen sie mehr lüstete als die goldenen Äpfel. Aber Kummer und Mißmut trübten ihre kornblumenfarbenen Augen. Sie weilte am liebsten in einem düsteren, melancholischen Tannenwäldchen am Rande eines Quellbaches, der sein silbernes Gewässer ins Tal rauschen ließ, und warf Blumen hinein, die in den Odergrund hinabflossen. Der Gnom sah wohl, daß bei den sorgfältigsten Bestreben, durch tausend kleine Gefälligkeiten sich in der schönen Emma Herz zu stehlen, ihr keine Liebe abzugewinnen war. Desungeachtet ermüdete seine hartnäckige Geduld nicht, durch die pünktlichste Erfüllung ihrer Wünsche ihren spröden
Sinn zu überwinden. Er nahm als etwas ausgemachtes an, daß ihr Herz so frei und unbefangen sei wie das seine, doch das war ein großer Irrtum.
Ein junger Grenznachbar an den Gestaden der Oder, Fürst Ratibor, hatte den süßen Minnetrieb in dem Herzen der holden Emma bereits angefacht.

Schon sah das glückliche Paar dem Tage seiner Vermählung entgegen, da die Braut mit einem Male verschwand. Diese Nachricht verwandelte den liebenden Rabtibor in einen rasenden Roland. Er verließ seine Residenz, zog menschenscheu in einsamen Wäldern umher und klagte den Felsen sein Unglück. Die treue Emma seufzte unterdessen ihre Herzgefühle so fest in ihrem Busen, daß der spähende Gnom nicht enträtseln konnte, was für Empfindungen sich darin regten. Lange schon hatte sie darauf gesonnen, wie sie ihn überlisten und der lästigen Gefangenschaft entrinnen möchte. Nach mancher durchwachten Nacht sann sie endlich einen Plan aus, der des Versuchs würdig schien, ihn auszuführen.

Der Lenz kehrte in die gebirgischen Täler zurück, und die Rüben gediehen zur Reife. Die schlaue Emma zog täglich einige davon aus und machte damit Versuche, ihnen allerlei beliebige Gestalten zu geben, dem Anschein nach sich damit zu belustigen; aber ihre Absicht ging weiter. Sie ließ eines Tages eine kleine Rübe zur Biene werden, um sie abzuschicken, Kundschaft von ihrem Geliebten einzuziehen. «Fleuch, liebes Bienchen, gegen Aufgang,» sprach sie, «zu Ratibor, dem Fürsten des Landes, und sumse ihm sanft ins Ohr, daß Emma noch für ihn lebt, aber eine Sklavin ist des Fürsten der Gnomen, der das Gebirge bewohnt; verlier' kein Wort von diesem Gruße und bring mir die Botschaft von seiner Liebe.» Die Biene flog alsbald von dem Finger ihrer Gebieterin, wohin sie beordert war; aber kaum hatte sie ihren Flug begonnen, so stach eine gierige Schwalbe auf sie herab und verschlang zum großen Leidwesen des Fräuleins die Botschafterin der Liebe. Darauf formte sie vermöge des wunderbaren Stabes eine Grille, lehrte sie gleichen Spruch und Gruß. Die Grille flog und hüpfte so schnell, wie sie konnte, auszurichten, was ihr befohlen war; aber ein langbeiniger Storch promenierte eben an dem Wege, auf dem die Zirpe zog, erfaßte sie mit seinem langen Schnabel und begrub sie in das Verlies seines weiten Kropfes.

Diese mißlungenen Versuche schreckten die entschlossene Emma nicht ab, einen neuen zu wagen; sie gab der dritten Rübe die Gestalt einer Elster.
«Schwanke hin, beredsamer Vogel,» sprach sie, «von Baum zu Baum, bis du gelangest zu Ratibor, sag ihm an meine Gefangenschaft und gib ihm Bescheid, daß er meiner harre mit Roß und Mann, den dritten Tag von heute, an der Grenze des Gebirges im Maientale, bereit, den Flüchtling aufzunehmen, der seine Ketten zu zerbrechen wagt und Schutz von ihm begehrt.» Die Elster gehorchte, und die sorgsame Emma begleitete ihren Flug, soweit das Auge reichte. Der harmlose Ratibor irrte noch immer melancholisch in den Wäldern herum; die Rückkehr des Lenzes und die wiederauflebende Natur hatten seinen Kummer nur gemehrt. Er saß unter einer schattenreichen Eiche, dachte an seine Prinzessin und seufzte laut: Emma!
Alsbald gab das vielstimmige Echo ihm diesen geliebten Namen schmeichelhaft zurück; aber zugleich rief auch eine unbekannte Stimme den seinigen aus. Er horchte hoch auf, sah niemanden, wähnte eine Täuschung und hörte den nämlichen Ruf wiederholen. Kurz darauf erblickte er eine Elster, die auf den Zweigen hin und her flog und ward inne, daß der gelehrige Vogel ihn beim Namen rief. «Armer Schwätzer,» sprach er, «wer hat dich gelehrt, diesen Namen auszusprechen, der einem Unglücklichen gehört, der wünscht, von der Erde vertilgt zu sein wie sein Gedächtnis?»
Hierauf faßte er einen Stein und wollte ihn nach dem Vogel schleudern, als dieser den Namen Emma hören ließ. Der Sprecher auf dem Baume begann mit der dem Elstergeschlecht eigenen Beredsamkeit den Spruch, der ihm gelehrt war.

Fürst Ratibor vernahm kaum diese fröhliche Botschaft, so ward's hell in seiner Seele; der tödliche Gram, der die Sinne umnebelt und die Federkraft der Nerven erschlafft hatte, verschwand. Er forschte mit Fleiß von der Glücksverkünderin nach den Schicksalen der holden Emma; aber die gesprächige Elster konnte nichts als mechanisch ihre Lektion ohne Aufhören wiederholen und flatterte davon. Schnellfüßig eilte der auflebende Prinz zu seinem Hoflager zurück, rüstete eilig das Geschwader der Reisigen, saß auf und zog mit ihnen hin ans Vorgebirge seiner guten Hoffnung, das Abenteuer zu bestehen.

Fräulein Emma hatte unterdessen mit weiblicher Schlauheit alles vorbereitet, ihr Vorhaben auszuführen. Sie ließ ab, den duldsamen Gnomen mit Kaltsinn zu quälen, ihr Auge sprach Hoffnung, und ihr spröder Sinn schien beugsamer zu werden. Der seufzende Liebhaber empfand gar bald diese scheinbare Sinnesänderung der holden Spröden. Ein holdseliger Blick, eine freundliche Miene, ein bedeutsames Lächeln setzten sein entzündbares Wesen in volle Flammen. Er bat um Erhörung und wurde nicht zurückgewiesen. Das Fräulein begehrte nur noch einen Tag Bedenkzeit, den ihr der wonnetrunkene Gnom bereitwillig zugestand. Den folgenden Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, trat die schöne Emma geschmückt wie eine Braut hervor, mit allem Geschmeide belastet, das sie in ihrem Schmuckkästlein gefunden hatte, und da ihr der harrende Gnom auf der großen Terrasse im Lustgarten entgegenwandelte, bedeckte sie züchtiglich mit dem Ende des Schleiers ihr Angesicht. «Himmlisches Mädchen,» stammelt er ihr entgegen, «laß mich die Seligkeit der Liebe aus deinen Augen trinken und weigere mir nicht länger den ejahenden Blick, der mich zum glücklichsten Wesen macht, das jemals die rote Morgensonne bestrahlt hat!» Hierauf wollte er ihr Antlitz enthüllen, aber das Fräulein machte ihre Schleierwolke noch dichter um sich her und antwortete gar bescheiden: «Vermag eine Sterbliche dir zu widerstehen, Gebieter meines Herzens? Deine Standhaftigkeit hat obgesiegt. Nimm dies Geständnis von meinen Lippen; aber laß mein Erröten und meine Zähren diesen Schleier auffassen.» – «Warum Zähren, o Geliebte?» fiel der beunruhigte Geist ein, «ich heische Lieb' um Liebe und will nicht Aufopferung.» – «Ach,» erwiderte Emma, «warum mißdeutest du meine Tränen? Mein Herz lohnt deine Zärtlichkeit; aber bange zerreißt meine Seele. Das Weib hat nicht stets die Reize einer Geliebten; du alterst nimmer; aber irdische Schönheit ist eine Blume, die bald dahinwelkt. Woran soll ich erkennen, daß du der zärtliche, liebevolle, gefällige, duldsame Gemahl sein werdest, wie du als Liebhaber warest?» Er antwortete: «Fordere einen Beweis meiner Treue oder des Gehorsams in Ausrichtung deiner Befehle, oder stelle meine Geduld auf die Probe und urteile daraus von der Stärke meiner unwandelbaren Liebe.» – «Es sei also!» beschloß die schlaue Emma «ich heische nur einen Beweis deiner Gefälligkeit. Gehe hin und zähle die Rüben alle auf dem Acker; mein Hochzeitstag soll nicht ohne Zeugen sein, ich will sie beleben, damit sie mir zu Kränzeljungfrauen dienen; aber hüte dich, mich zu täuschen und verzähle dich nicht um eine, denn das ist die Probe, woran ich deine Treue prüfen will.»

So ungern sich der Gnom in diesen Augenblick von seiner reizenden Braut trennte, so gehorchte er doch, machte sich rasch an seine Geschäfte und hüpfte hurtig unter den Rüben herum. Er war durch diese Geschäftigkeit mit seiner Aufgabe bald zustande; doch um der Sache recht gewiß zu sein, wiederholte er sie nochmals und fand zu seinem Verdruß eine andere Zahl, was ihn nötigte, zum drittenmal den Rübenpöbel durchzumustern. Die verschmitzte Emma hatte ihren Paladin kaum aus den Augen verloren, als sie zur Flucht Anstalt machte. Sie hielt eine saftvolle Rübe in Bereitschaft, die sie flugs in ein mutiges Roß mit Sattel und Zeug metamorphosierte. Rasch schwang sie sich in den Sattel, flog über die Heiden und Steppen des Gebirges dahin, und der flüchtige Pegasus wiegte sie, ohne zu straucheln, auf seinem sanften Rücken hinab ins Maiental, wo sie sich dem geliebten Ratibor, der der Kommenden ängstlich entgegenharrte, fröhlich in die Arme warf.

Der geschäftige Gnom hatte sich indessen so in seine Zahlen vertieft, daß er von dem, was um und neben ihm geschah, nichts wußte. Nach langer Mühe und Anstrengung seiner Geisteskraft war ihm endlich gelungen, die wahre Zahl aller Rüben auf dem Ackerfelde, klein und groß mit eingerechnet, gefunden zu haben. Er eilte nun froh zurück, sie seiner Herzensgebieterin gewissenhaft zu berechnen und durch die pünktliche Erfüllung ihrer Befehle sie zu überzeugen, daß er der gefälligste und unterwürfigste Gemahl sein werde. Mit Selbstzufriedenheit trat er auf den Rasenplatz; aber da fand er nicht, was er suchte; er lief durch die bedeckten Lauben und Gänge; auch da war nicht, was er begehrte. Er kam in den Palast, durchspähte alle Winkel, rief den holden Namen Emma aus, den ihm die einsamen Hallen zurücktönten, begehrte einen Laut von dem geliebten Munde; doch da war weder Stimme noch Rede. Das fiel ihm auf, er merkte Unrat; flugs warf er das schwerfällige Phantom der Verkörperung ab, schwang sich hoch in die Luft und sah den geliebten Flüchtling in der Ferne, als eben der rasche Gaul über die Grenze setzte.

Wütend ballte der ergrimmte Geist ein paar friedlich vorüberziehende Wolken zusammen und schleuderte einen kräftigen Blitz der Fliehenden nach, der eine tausendjährige Grenzeiche zersplitterte. Aber jenseits dieser war des Gnomen Rache unkräftig, und die Donnerwolke zerfloß in einen sanften Heiderauch.
Nachdem er die Luftregionen verzweiflungsvoll durchkreuzt hatte, kehrte er trübselig in den Palast zurück, schlich durch alle Gemächer und erfüllte sie mit Seufzen und Stöhnen. Die Sehnsucht erwachte wieder an jedem Platze, wo sie vormals ging und stand, wo er trauliche Unterredungen mit ihr gepflogen hatte. Alles das würgte und knotete ihn so zusammen, daß er unter der Last seiner Gefühle in dumpfes Hinbrüten versank. Bald danach brach sein Unmut in gräßliche Verwünschungen aus, und er vermaß sich höchstlich, der Menschenkenntnis zu entsagen und von diesem argen betrüglichen Geschlechte keine weitere Notiz zu nehmen. In dieser Entschließung stampfte er dreimal auf die Erde, der ganze Zauberpalast mit all seiner Herrlichkeit kehrte in sein ursprüngliches Nichts zurück, und der Gnom fuhr hinab in die Tiefe bis an die entgegengesetzte Grenze seines Gebietes, in den Mittelpunkt der Erde.

Während dieser Katastrophe im Gebirge führte Fürst Ratibor sie schöne Emma an den Hof ihres Vaters zurück, vollzog daselbst seine Vermählung, teilte mit ihr den Thron seines Erbes und erbaute die Stadt Ratibor, die noch seinen Namen trägt bis auf diesen Tag. Das sonderbare Abenteuer der Prinzessin, das ihr auf dem Riesengebirge begegnet war, ihre kühne Flucht und glückliche Entrinnung wurde das Märchen des Landes, pflanzte sich von Geschlecht zu Geschlecht fort bis in die entferntesten Zeiten. Und die Einwohner der umliegenden Gegenden, die den Nachbar Berggeist bei seinem Geisternamen nicht zu nennen wußten, legten ihm einen Spottnamen auf, riefen ihn Rübenzähler oder kurz Rübezahl.


ENDE DER ERSTEN LEGENDE

WEITERE LEGENDEN UNTER:

gutenberg-spiegel.de
title: Legenden vom Rübezahl
author: Johann Karl August Musäus
publisher: Rhein-Elbe-Verlag
year: 1927



















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